18.11.2014 12:10 Alter: 3 yrs
Kategorie: Blog 2014

Fototipp: Konzertfotografie


Die Vorlage für das Plattencover

Welcher Fotograf kennt das nicht? Man besucht ein Konzert oder Theaterstück und erkennt auf Anhieb die „Klick-Momente“, die entscheidenden Szenen, die in einem Bild festgehalten werden müssten. Ich ertappe mich dann immer dabei, wie ich ruckartig mit dem Kopf nicke und Zeugen zufolge auch mit der Zunge schnalze würde. Nun, ich gehe allerdings sehr selten ins Theater und  eigentlich nie zu Konzerten. Eigentlich…. Bis ich auf Bodo Wartke stieß. Ein Musikkabarettist, Multitalent, Klaviervirtuose, Sprachgenie….

Seit 2 Jahren habe ich die Gelegenheit, Bodo auf ausgesuchten Konzerten begleiten zu dürfen und ich möchte heute einmal die bei diesem Genre auftretenden fotografischen Probleme und meine Lösungsansätze schildern.

Um die besonderen Momente aus dem richtigen Blickwinkel einfangen zu können, muss ich das Stück kennen – vorzugsweise auswendig. Hierzu besuche ich im Vorfeld die Veranstaltung 1-2 Male und mache mir Notizen über Zeitpunkt, Standpunkt und Beleuchtung „meiner“ Fotoszenen. Während dieser Besuche reifen die Bilder im Kopf heran.

Anfangs wollte ich während der Proben Testaufnahmen schießen, aber das erwies sich schnell als sinnlos. Weder trägt der Künstler das spätere Bühnenoutfit, noch herrschen auch nur annähernd die Lichtverhältnisse der späteren Vorführung. Zudem wird bei der Probe nur mit halbem Einsatz gearbeitet – erst vor dem Publikum kommen Mimik und Gestik ausdrucksstark zum Vorschein.

 

Also bleibt nur das Live-Shooting.
Wenn ich mich während der Vorstellung bewegen darf, ist das natürlich von Vorteil. Andererseits muss ich dann auch alles bei mir tragen, was ich glaube zu benötigen. Es versteht sich von selbst, dass unter keinen Umständen das Publikum oder der Künstler gestört werden dürfen. Ein schneller Positionswechsel mit 2 bestückten Kameragehäusen und Einbeinstativ in einem dunklen Saal kann ungeahnte und akustisch untermalte Folgen haben. Damit sind wir bei dem ersten Ausrüstungsgegenstand: meiner Kleidung. Diese ist schwarz und langarmig. Die Schuhe haben nicht-quietschende Sohlen, falls kein Teppich im Saal ausliegt.

Kommen wir zu den Objektiven: je lichtstärker, desto besser. Für Portraits hat sich das Sigma 120-300mm F2,8 bestens bewährt. Ich kann damit große Entfernungen überbrücken, passable Verschlusszeiten erreichen und den Hintergrund in der Unschärfe untergehen lassen, wenn gewünscht. Allerdings wird das Teil bei Fotos aus der freien Hand auf die Dauer einer Veranstaltung zunehmend schwerer. Inzwischen habe ich immer ein Einbeinstativ dabei; Schulter und Arm danken es mir. Speziell, wenn ich einen fixen Platz im Zentrum des Publikums einnehme, ist dieses Objektiv meine erste Wahl. Durch die Stativschelle kann ich blitzschnell zwischen Hoch- und Querformat wechseln, ohne mich aus der optischen Achse zu bewegen. Eines ist klar: mit diesem Objektiv fällt man im Theater mehr auf als auf dem Sportplatz. Unbemerkt bleibt man damit nicht im Saal. Speziell, wenn man seinen Platz in den Zuschauerreihen einnimmt, muss man auch wirklich aufpassen, dass sich kein Zuschauer in der Reihe davor den Kopf anstößt.

Für Aufnahmen aus Bühnennähe reicht ein 70-200mm F2,8 aus. Mit der kürzeren Brennweite kann ich dann auch schon einmal eine kompakte Übersicht aufnehmen, allerdings wird der Winkel zur Bühne schnell ungünstig, da diese oft deutlich erhöht ist. Neben der unvorteilhaften Untersicht stört dabei auch der Hintergrund (Bühnendecke) mit all den Scheinwerfern und Traversen. Bei einem Rockkonzert kann man diese Effekte noch gewinnbringend einbauen – bei einem Klavierkonzert passt das selten. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Der Blick vom Rang stellt im Gegensatz dazu auch keinen Gewinn dar. Der Künstler wirkt gestaucht und gegen den Bühnenboden gedrückt.
Ein großer Vorteil der beiden genannten Teleobjektive sind deren Ultraschallmotoren für den AF, durch den die die Scharfeinstellung schnell und vor allem lautlos erfolgt – beides wichtige Aspekte.

Ein Standardzoom um die 24-70mm ist für die Totale auch immer dabei. Wenn ich für die Bilder auf die Bühne darf, setze ich auch gerne für besondere Effekte mal ein Fisheye ein. Dieses Privileg wird einem aber eher selten zuteil.

Kommen wir zur Kamera. Sie sollte hohe ISO-Zahlen ohne großes Bildrauschen beherrschen und möglichst leise auslösen. Ich setze eine Nikon D3s ein; deren Quietmodus senkt den Spiegel nach der Aufnahme leiser ab, was jedoch in meinen Augen (äh, Ohren) keinen nennenswerten Vorteil bringt. Für die meisten Aufnahmen verwende ich Empfindlichkeiten zwischen 2000-4000 ISO. Das ist immer der Kompromiss Verwacklungsunschärfe versus Bildrauschen. Wenn Bodo auf der Bühne springt und gestikuliert, wird der Grat zwischen „dynamischer Bewegungsunschärfe“ und  Ausschuss schmal. Dann strebe ich nach Zeiten um die 1/200s und gerne kürzer.

Bleibt die Frage nach der Belichtung. Ich arbeite am liebsten vollkommen manuell. Das birgt allerdings gewisse Risiken. Bei einer Konzertbeleuchtung sind die Kontraste in der Regel sehr hart. Theaterlicht ist deutlich weicher und damit angenehmer zu fotografieren.
Durch die manuelle Belichtung haben zum Beispiel kurze Reflexe an glänzenden Gegenständen keinen Einfluss auf mein Bild. Tritt der Künstler allerdings aus dem Scheinwerferkegel, ist Reaktionsschnelligkeit gefragt. In diesem Zusammenhang ist der FOH mein wichtigster Mann im Saal. Schon bei den Proben lasse ich mir seine Licht-Setups zeigen und schaue mir die Markierungen auf der Bühne an, um zu wissen, wo Bodo wann stehen wird. Dieses Wissen bringt einen großen Vorteil. Theoretisch.

Wenn ich weiß, dass das Licht schnell wechselt, setze ich auch die Zeitautomatik ein. Je nach Kleidung des Künstlers kommt hier noch ein Belichtungskorrekturfaktor zum Einsatz. Aufgrund der starken Kontraste verwende ich dann die Spotmessung, gekoppelt an das AF-Messfeld. Ich gebe aber zu, dass dieses „Sicherheitsdenken“ hinsichtlich AF und automatischer Belichtungsmessung oft die Komposition leiden lassen. Wenn es schnell gehen muss und keine Zeit bleibt, AF und Belichtung mit halbem Niederdrücken des Auslösers zu speichern und dann den Bildausschnitt zu wählen – dann drückt man eben durch. Und dann sitzt das Motiv mittig oder eben am gewählten AF Feld und da wollte man es vielleicht gar nicht haben. Gerade bei schnellen Bewegungsabläufen besteht immer die Gefahr, dass während der schnellen Belichtungsserie mit gespeicherten Werten die Automatik die Schärfe und/oder Belichtung dann doch noch zwischendurch in dem Messfeld ermittelt, das während der Serie aber gar nicht auf dem Motiv lag. In diesen Momenten lobe ich mir immer die manuelle Bedienung der Kamera.

Aber auch die hilft nicht, wenn das Orchester in dunklen Anzügen im Hintergrund spielt, während Bodo im weißen Anzug im hellen Scheinwerferlicht steht und singt. Das sprengt den Dynamikumfang der Kamera, der bei den hohen ISO-Werten ohnehin erheblich reduziert ist. Im Hinterkopf noch das Wissen, dass die Bilder druckfähig sein müssen, damit sie in einem CD Booklet erscheinen können. Lampenfieber herrscht nicht nur auf der Bühne….

Es ist immer wieder aufregend, auf den Konzerten zu fotografieren und ich entdecke nach jeder Vorführung beim Sichten der Bilder Dinge, die ich hätte besser machen können. Es ist ein stetiger Lernprozess.
Einige Bilder habe ich in einer Galerie zusammengestellt.
Ich persönlich empfehle Euch zum Abschluss noch Bodo Wartkes Website. Hört einmal in seine Stücke hinein - und wer weiß: vielleicht sehen wir uns dann bald auf einem seiner Konzerte. Ich verspreche Euch einen unvergesslichen Abend mit einem ebenso begnadeten wie sympathischen Künstler.