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19.12.2016 12:48 Alter: 188 days
Kategorie: Blog 2016

Journalisten-Alltag


Schon oft habe ich mich gefragt, wie der Alltag eines Fotojournalisten aussieht. Einen sehr erfolgreichen kenne ich zufällig gut und so habe ich ihn gebeten, mir einmal einen typischen Arbeitsalltag zu beschreiben.

Leo F. Postl

Kelsterbach: Ein ganz normales Wochenende eines Journalisten.
Es ist Freitagnachmittag, ich komme gerade von einem Pressetermin zurück, der noch aktuell abgeliefert werden muss, da er am Freitag schon „im Blatt“ sein soll, denn die nächste Ausgabe erscheint erst am Montag und da wäre ja alles "Schnee von vorgestern" – aber das ist alles normal. Also schnell drei Bilder auswählen, diese etwas aufbereiten, will heißen: Unnötiges Beiwerk "wegschneiden", aber noch genügend Raum für Anpassungen in der Redaktion lassen. Jetzt noch die Bildinformationen in die Dateibeschreibung tippen – dann gehen schon mal die Fotos auf die Reise.
Dann klingelt auch schon das Telefon, einen Redaktion erinnert mich daran, dass in einer Stunde die Lokalseite fertig sein muss: „Wo bleibt der Text?“ Also schnell den Text, entsprechend der gewünschten Zeilenanzahl, verfassen – und ab damit. Für eine zweite Redaktion hätte ich theoretisch bis 22 Uhr Zeit, doch welcher Redakteur will wegen des letzten Beitrages für „seine" Seite schon so lange warten. Ich hämmere also eine zweite, etwas längere Version, in die Tasten meines Computers. Die inzwischen per Mail eingetroffene Nachfrage, wann der Text kommt, beantworte ich mit „gleich“ – und dann klingelt auch schon wieder das Telefon. Es ist der Bürgermeister von Neu-Isenburg; er hat ein „Problem“, das nur ich lösen könnte.
„Die deutsche Fußball-Frauen-Olympiamannschaft hat jetzt ihr Abschlusstraining, das dauert so rund zwei Stunden, dann stehen die Frauen um Managerin Doris Fitschen – die selbst in Neu-Isenburg wohnt -  für meinen besonderen Wunsch bereit“, so der Bürgermeister. Für einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt – am Rande des Sportplatzes. Das Problem: Um das Team vor dem Abflug am späten Abend gen Rio de Janeiro so wenig wie möglich zu stören, darf nur ein einziger Fotograf anwesend sei. Ich soll, auf Wunsch des Bürgermeisters, diese Aufgabe übernehmen. Welch eine Ehre? Aber auch welch ein Stress, denn ich muss ja noch den zweiten Text verfassen. „Ja, klar, mache ich gerne“, sage ich fast automatisch.
Nach einer halben Stunde ist der Text weg und ich packe meine „sieben Sachen“. Es ist Rushhour und der Weg zum Sportpark in Neu-Isenburg wird länger und länger. Aber über einen Schleichweg kann ich 15 Minuten herausholen und bin tatsächlich zur gewünschten Zeit am gewünschten Ort. Doch die Frauen um Trainerin Sylvia Neid müssen noch eine Sonderlektion trainieren: Standardsituationen – unter Ausschluss jeglicher Öffentlichkeit. Meine Kamera bleibt vorerst „versteckt“, denn gerade bei solchen Terminen gilt das Gesetz des Vertrauens. Doris Fitschen kennt mich von anderen Presseterminen und weiß, dass sie sich auf mein Wort verlassen kann. Genau deshalb bekam ich auch den Auftrag. Da das Training etwas länger gedauert hat, muss der Fototermin kürzer ausfallen. Also dirigiere ich schnell, lasse sich die Mannschaft im Hintergrund formieren und bitte Sylvia Neid beim Eintrag ins Goldene Buch, mal kurz in die Kamera zu blicken. Dann folgt die Managerin Doris Fitschen und der Rest der Mannschaft. Mit den besten Wünschen für eine erfolgreiche Olympia-Teilnahme schicken wir die Mannschaft zum Duschen und dann zum Flughafen.


Da dieser Termin unverhofft kam und zudem länger als geplant gedauert hat, bin ich bereits im Verzug für die nächsten Pressetermine. Also ändere ich kurzfristig meine Route, fahre zunächst zu einer Scheckübergabe und dann zur Veranstaltung der Burgfestspiele Dreieichenhain ist, die ja bekanntlich abendfüllend ist. Ich komme gerade an, als Pause ist und muss somit auf den Beginn der zweiten Hälfte warten. Dies verschiebt jedoch meine geplante Ankunft zu Hause – wo noch weitere Arbeit auf mich wartet. Wenn ich heute nicht die zuvor gemachten Fotos aufarbeite und die Texte verfasse, fällt die Nacht von Samstag auf Sonntag aus.
Meine Frau stellt die eingetroffenen Wünsche der Redaktionen zusammen, unterdessen mache ich mich an der zweiten Workstation an die Bearbeitung der Fotos. „Das Wochenende wird wieder mal hart, ob du das überhaupt alles schaffst“, so der Kommentar meiner Frau – und sie verschwindet schon mal im Schlafzimmer. Also mache ich mich an die Arbeit – und um 2 Uhr nachts gehe ich dann auch ins Bett. Um 7 Uhr klingelt der Wecker, denn das Leben besteht nicht nur aus Presseterminen, sondern es muss auch eingekauft und das Haus in Ordnung gehalten werden. Um 11 Uhr gibt es den ersten Pressetermin, es gilt die Eröffnung eines Sportzentrums zu fotografieren. Aber 11 Uhr war für das Eintreffen der Gäste mit Sektempfang angesetzt – dies hatte die Redaktion überlesen.  Für mich ist dies „verlorene“ Zeit, obwohl ich ebenfalls zum Sekt mit leckeren Häppchen eingeladen werde: Es folgen dann Reden – alle viel zu lang – die Zeit rinnt dahin. Zum nächsten Termin zu fahren und wieder zurück zu kommen, wäre eine Option, doch auch dies kostet Zeit. Endlich sind alle fertig, dann folgt die Überraschung: der Vereinspräsident erhält für sein Lebenswerk einen besondere Auszeichnung: Den Ehrenbrief des Landes Hessen; seine Frau, die ja alles über die vielen Jahre hinweg „ertragen“ musste, erhält aus der Hand des Landrates eine Blumenstrauß und viel Lob.  Ich muss mich vordrängen, um vor den vielen Gratulanten zu meinem Foto zu kommen, sonst ist der nächste Termin tatsächlich vorbei. Dann geht es aber Schlag auf Schlag. Noch weitere sieben Termine stehen an.
Wann fahre ich am besten zum Reitturnier, welcher Termin muss „auf den Punkt“ erfolgen und welche Reihenfolge ist für die Streckenführung sinnvoll – ein Hin und Her kostet ja auch Zeit. Das sind Gesichtspunkte, die bei einer engen Taktung von Presseterminen beachtete werden müssen. Fünf Minuten zu spät ein Fußballspiel zu erreichen ist fatal, eine Ehrung im Rahmen eines Sommerfestes bei einem Verein kann man meist nochmals nach-arrangieren. Dies alles sind wichtige Erfahrungswerte aus meiner langjährigen „Arbeit“ als Presse-Fotojournalist, denn es gilt nicht nur, brauchbare Fotos zu machen, sondern auch Informationen für einen entsprechenden Text zu sammeln. Da haben es „Nur-Pressefotografen“ und „Nur-Pressejournalisten“ viel einfacher. Allerdings schlägt sich die Doppelarbeit, also Fotograf und Journalist in einem, bei der Honorarabrechnung deutlich nieder. Aber dies alles hat seinen Preis: Man muss die Termine erst einmal packen. 
Also keine Zeit verlieren: Zunächst zum Fußballspiel. Hier gilt es nicht nur Fotos zu machen, sondern die Spieler der  - möglichst packenden - Szene müssen der Redaktion auch benannt werden. Was tun, wenn man diese selbst nicht kennt? Man fotografiert die Aufstellung und identifiziert dann – zu Hause am Computer – die Namen anhand der Rückennummer. Doch nicht immer ist diese zu erkennen. Entweder man hat den Spieler in einer anderen Szene – oder man muss ein anderes Motiv auswählen. Aber das ist eine Angelegenheit für später. Jetzt schnell ein paar Szenen – die Mannschaftsaufstellung nicht vergessen – dann weiter zum nächsten Termin.
Eine Vernissage einer Gemeinschaftsausstellung in einer Kunstscheune – aber nicht im selben Ort. Dort werde ich schon erwartet, man bietet mir erst einmal Sekt und Häppchen an. Nein danke! Also trommele ich möglichst viele der beteiligten Künstler zusammen, um diese vor ihren Werken zu fotografieren, dann noch schnell ein, zwei „Repros“ von einzelnen Kunstwerken. Jetzt fehlen noch die Informationen zu den einzelnen Künstlern und zur Entstehung der Werke selbst. Ich führe Gespräche mit dem Organisator der Ausstellung, dazu noch mit drei weiteren Künstlern. Denn der Artikel ist für zwei Redaktionen, da müssen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden.
Mittlerweile ist es 17 Uhr, und es sind immer noch fünf Termine abzuarbeiten. Also, zunächst zu einer Buchpräsentation mit Lesung – hoffentlich komme ich nicht gerade zu Lesung des Autors, denn dann müsste ich warten, bis er zu einem Interview bereit steht. Also erst einmal weiter in die übernächste Stadt. Vor der Bibliothek sind alle Parkplätze belegt; klar, die Veranstaltung hat ja längst bekommen. Also Parkplatzsuche, zur Bibliothek laufen: Ich habe Glück, die Lesung läuft bereits und es ist in kürze Pause. Also, schnell ein paar Fotos. Dann ist auch schon Pause – und der Autor verschwindet im Hintergrund, ich hinterher. In der Garderobe erfahre ich alles, was ich wissen muss. Dann bin ich schon wieder weg. Die Einladung zu Sekt und Häppchen lehne ich wieder einmal ab.
Zuerst zum Handballspiel oder doch lieber erst Basketball? Ein Blick auf die Uhr entscheidet. Es geht es zunächst zum Basketball, da ich auf dem Rückweg nicht nur Handball, sondern auch noch den letzten Teil einer Show in der Hugenottenhalle in Neu-Isenburg erwische. Hoffentlich. Beim Basketball ist gerade „time out“ also kann ich schnell die Spieleraufstellung fotografieren – wegen der Namen. Ich habe noch vier Minuten bis zur Halbzeit, bis dahin müssen drei bis vier brauchbare Motiv „im Kasten“ sein. Die Kamera nun auf „Dauerfeuer“ zu stellen, garantiert zwar eine hohe Wahrscheinlichkeit von „brauchbaren“ Motiven, doch diese 100 Aufnahmen wollen dann alle in der Nacht begutachtet werden. Das kostet Zeit. Ich entscheide mich für meine Erfahrung: also die Szenen „auf den Punkt“ zu erfassen. Nach 20 Fotos geht es weiter zum Handball – im nächsten Ort.  Dort das gleich Spiel.
Um 22:30 Uhr bin ich schließlich in der Hugenottenhalle. Die Dame am Einlass kennt mich: „Es sind noch 20 Minuten“, gibt sie mir zu verstehen. Wahrlich viel Zeit, um ordentliche Fotos zu machen. Doch nach dem Konzert muss ich noch alle wichtigen Information recherchieren, Besucher fragen, wie zufrieden sie waren. Also warte ich zunächst auf die aus dem Saal gehenden Besucher, dann kämpfe ich mich zum Presseagenten durch. Dieser freut sich, dass doch noch jemand von der Presse erschienen ist und lanciert gar noch ein Gespräch mit den Künstlern. Alles lief perfekt.
Gegen 23:30 Uhr bin ich zu Hause. Aber alle Beiträge, die am Montag in den zwei Tageszeitungen erscheinen sollen, muss ich vor dem Verlassen meines Hauses am Sonntag „abgeliefert“ haben. Will heißen: alle Fotos müssen aufbereitet, die Texte verfasst und alles an die Redaktionen per Mail versandt sein. Am Sonntagmorgen steht um 9 Uhr der erste Termin im Plan: der Start eines Marathons mit namhaften Startern. Um 4:30 Uhr falle ich endlich in Bett. Um 7 Uhr klingelt der Wecker; ich höre nichts, doch meine  Frau ist unerbittlich. Sie meint es ja nur gut. Nach dem Frühstück überfliege ich nochmals schnell die Texte, dann ab damit an die Redaktionen – und raus aus dem Haus. Denn der verpasste Start des Marathons wäre fatal. Danach geht es im bekannten Muster weiter – heute sind nur sechs Termine abzuarbeiten.
Unablässig für eine solch anspruchsvolle Tätigkeit ist ein zuverlässiges technisches Equipment. Ich setzte hier auf Nikon und Canon – und auf SIGMA Objektive. Meine absoluten Favoriten sind das 2,8/120-300 mm im Sport- und Konzertbereich, das 1,8/18-35 mm sowie das 1,8/50-100 mm für NIKON DX-Kameras, sowie das 1,4/35 mm und das 1,4/50 als auch das 1,4/85 mm für besondere Available Light-Anforderungen. Mein perfektes Presseobjektiv wäre ein 2,8/24-135 IF mm für das Vollformat .. das wünsche ich mir von SIGMA.

 

Das Titelfoto des Blogbeitrags ist typisch für eine journalistische Personality-Story. Es zeigt Gal Halvorsen, der als Erster seinen Flieger zum "Rosinenbomber" unfunktionierte. Den heute 96-jähirgen habe ich vor seinem Rosinenbomber am Luftbrückendenkmal in Frankfurt fotografiert.

Leo F. Postl