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24.04.2016 15:02 Alter: 1 year
Kategorie: Blog 2016

Vogelfotografie im heimischen Garten


Während ich dieser Tage im Garten versuchte Ordnung zu schaffen, bemerkte ich, wie ein Kohlmeisenpaar wiederholt eines der Nisthäuschen anflog. Nach einigen Besichtigungen entschloss man sich zum Einzug. Was liegt näher, als den Heimvorteil zu nutzen und sich an ein paar Vogelbilder zu versuchen?
Nun, welche Fallstricke dabei auf einen lauern, sei hier kurz geschildert.
Bei der Wahl des Kamerastandpunktes gilt es, viele Faktoren zu berücksichtigen. Die Einflugschneise des Vogels, der gewünschte Hintergrund, die Lichtrichtung und nicht zuletzt die geringste Störung des Tieres. Wenngleich das frontale Anfliegen des Vogels die wohl spektakulärste Perspektive darstellen würde, scheidet sie aus etlichen Gründen aus. Eine Platzierung der Kamera direkt am Brutkasten wäre mit einer zu hohen Störung des Tieres verbunden, zudem wäre die Scharfeinstellung kaum zu bewerkstelligen. Die ist ohnehin schwierig genug.
Aufgrund der geringen Größe des Vogels und seiner Geschwindigkeit schafft es der AF der Kamera nicht, in dem Moment des Anflugs die Schärfe mitzuführen. Daher drängt sich eine Position parallel zum Anflug auf, bei dem sich der Abstand zum Vogel kaum verändert. Dies ermöglicht die manuelle Schärfevorwahl. Nach einiger Beobachtung wird man feststellen, dass die Anflüge einem gewissen Schema folgen, auf das man sich vorbereiten kann. Die erleichtert die Wahl des Bildausschnittes.
Neben der Scharfeinstellung sollte man auch die Belichtung manuell einstellen. Wenn nicht gerade Sonne und Wolken ein ständiges Wechselspiel abhalten, schließt man durch dieses Vorgehen Belichtungssprünge aus, die durch die unterschiedliche Einschätzung der Helligkeit seitens der Kamera geschehen könnten. Mal hat der Vogel die Flügel angelegt, mal gespreizt, mal verdeckt er kurz einen Reflex im Hintergrund – ist die Kamera schnell genug, passt sie jedesmal die Belichtung entsprechend an, die sich aber faktisch nicht geändert hat.
Bei der Belichtungszeit sollte man mindestens 1/1000 Sekunde, besser noch 1/2000 Sekunde erreichen. Leicht gesagt beim Einsatz eines Teleobjektivs, das bei 600mm noch Blende 6,3 bietet und auf wenigstens 8 abgeblendet werden sollte. Bei mäßigen Lichtverhältnissen ist man jetzt schnell bei ISO 3200. Dies wirkt sich natürlich nicht qualitätssteigernd auf die Bilder aus. Schärfe, Farbe, Dynamikumfang sinken, das Rauschen steigt. Alternativ bliebe nur, für mehr Licht zu sorgen, sprich: den Vogel anzublitzen. Darauf habe ich verzichtet.
Die Brennweite habe ich bereits angedeutet. Mit einem langen Teleobjektiv kann man einerseits den notwendigen Abstand einhalten, um das Tier nicht am Anflug zu hindern, andererseits lässt sich der Hintergrund damit schön auflösen. Ich setzte ein Sigma 150-600mm ein. Das Ganze muss natürlich auf ein stabiles Stativ. Hier vertraue ich auf mein Manfrotto 057 mit Getriebeneiger 405.
Diese Kombination wuchte ich auf die Terrasse und platziere sie so, dass sich die Sensorebene parallel zur erhofften Anflugschneise des Vogels befindet. Die Schärfeebene lege ich etwa auf die Höhe des Schlupfloches im Bruthaus. Als Betriebsart wähle ich schnelles Serienbild, den Weißabgleich stelle ich entsprechend der Lichtverhältnisse manuell ein. Mit dem Funkauslöser verstecke ich mich hinter dem Fenster - und dann heißt es warten. Da noch keine Jungen geschlüpft sind, beschränken sich die Anflüge des Männchens auf die wenigen Fütterungen des brütenden Weibchens (ich unterstelle die Geschlechter aufgrund der klassischen Rollenverteilung).


Wenn mir keine Anflüge entgangen sind, liegen zwischen den Fütterungen gerne einmal 60 Minuten und mehr. Dann muss man natürlich aufpassen, dass sich die Lichtverhältnisse nicht verändert haben. Der Ausschuss ist sehr hoch ausgefallen. Der Vogel hält sich beim Anflug leider nicht an die von mir vorgewählte Schärfeebene. Außerdem fliegt er schneller, als die Kamera im Serienbetrieb mithalten kann (11B/s). Stellt man den Bildausschnitt zu großzügig ein und lässt Luft, muss man den kleinen Vogel später stark herausvergrößern. Wählt man den Ausschnitt enger, ist die Gefahr des Vogelanschnitts wieder groß. Irgendwas ist immer ;-)
Als ich mich einmal entschlossen hatte, einen ganz engen Ausschnitt zu wählen, um das Verlassen der Bruthöhle formatfüllend einzufangen, landeten kurz danach 2 Blaumeisen auf dem Häuschen. Sie veranstalteten ein ganz schönes Theater und standen direkt vor dem Einlass in der Luft. Habe ich alles darauf – also, mal die Füße, mal ein Flügel und auch einmal einen Kopf. Aber nie zusammen. Nur, als eine Blaumeise einen Blick durchs Fenster warf, war sie komplett auf dem Bild. Mist. Also schnell wieder aufgezogen. Im nächsten Moment flog die Kohlmeise ausnahmsweise von der Seite aus an, drehte vor dem Loch eine Pirouette und schoss ins Haus. Die nimmt auf dem Bild nun keine 5% der Fläche ein. Freud und Leid liegen eng beieinander. Ich werde weiter dranbleiben. Vielleicht habt Ihr auch so ein Häuschen im Garten hängen – versucht Euer Glück doch auch einmal.