06.01.2017 16:00 Alter: 341 days
Kategorie: Blog 2017

Formatfrage


Seit die Digitalfotografie Einzug in unseren Alltag gehalten hat, begegnen uns immer wieder Begriffe, die mich, sagen wir, emotional berühren…

An den Beispielen Vollformat, Sensor im APS-C Format und Brennweitenverlängerung möchte ich dies einmal darlegen.

Als ich mich in meiner Fotografenausbildung befand, hatten wir mehrere Kameras parallel im Einsatz. Da gab es eine Nikon F3 (24x36mm), eine kleine Mamiya (45x60mm), die große Mamiya (60x70mm) und Linhofs (90x120mm und größer).
Die Linhofs waren die Großformat-, die Mamiya die Mittelformat- und die Nikon die Kleinbildkamera. Wurde ein Format noch kleiner als 24x36mm, dann sprach man von Kleinstbild. Das war eine logische Terminologie und die führte auch bei einem Lehrling bereits nach 2 Tagen nicht mehr zu Missverständnissen, wenn man ihn schickte, die „Kleinbild“ zu holen. Man belächelte von oben (Großformat) die kleineren Formate und „Kleinbild“ kam manchem Werbefotografen recht spöttisch über die Lippen. Nie hätte der sich damals gedacht, welche Renaissance dieses Format noch erleben würde.

In den Neunzigern, die viel Gutes hervorbrachten, wurde von Kodak damals auch der APS Film entwickelt. Grundsätzlich gedacht, um in dem hart umkämpften Filmmarkt eine Nische zu besetzen. APS stand für fortschrittliches fotografisches System bzw. Advanced Photo System. Bei APS-C stand das C für Classic und nutzte 25,1x16,7mm des Films. Der Film setzte sich nie richtig durch und schlief folgerichtig Anfang der 2000er wieder ein. Allerdings hatte sich Format in den Köpfen einiger Leute offensichtlich eingeprägt, dazu später mehr.

Zu den Eigenschaften eines Objektivs gehört vorrangig die Brennweite. Sie ist eine physikalische Größe und unabhängig davon, was ich hinter das Objektiv halte. Sei es ein Stück Film, ein Bildwandler oder ein Stück Klopapier. Was sich in Abhängigkeit der Größe des aufzeichnenden Mediums dahinter indessen verändert, ist der Bildwinkel. Leider haben wir es versäumt, in diesem Bildwinkel zu denken oder zu sprechen. Man hat vielmehr immer von der Brennweite geredet und sich dabei vornehmlich, wenn nicht ausschließlich, auf das Kleinbildformat (24x36mm) bezogen. Und so lernten wir, dass 50mm Brennweite „normal“ seien, kleinere Zahlen als 50mm Weitwinkel darstellen und größere Brennweiten, beispielsweise ein 135mm Objektiv, in die Rubrik Tele gehören. Wohl gemerkt, bezogen auf Kleinbild.
Zur meiner Zeit lernte man auswendig, dass an der Mittelformat das 90mm Objektiv den „normalen“ Zustand abbildete und dass an der Linhof 150mm Brennweite nötig waren, um normal zu sein.
Die Normalbrennweite stellte die Welt in etwa so dar, wie wir sie mit dem unbewaffneten Auge auch sahen, es entsprach also unserer Sehweise. Die Formatdiagonale gab den Wert für diese Normalbrennweite an. Ein Beispiel für das KB Format: Nach dem alten Pythagoras ist a²+b²=c² daher ist 24²+36²= 1872. Die Wurzel daraus ist 43,3mm und so kam gerundet das 50mm Normalobjektiv heraus. Auf gleiche Weise lassen sich die Brennweiten für alle anderen Formate berechnen.

Was man damals versäumte, war, uns einen Umrechnungsfaktor an die Hand zu geben. Daher sagte man damals nicht: Die Nikon hat gegenüber der Linhof einen Cropfaktor von 3. Nö, man wusste einfach, dass ein 150mm Objektiv an der Nikon das Motiv schon ordentlich vergrößerte, an der Linhof aber unverändert abbildete.

Damals wie heute aber spricht man von Brennweiten und weist ihnen Eigenschaften zu (Tele, Weitwinkel), müsste aber im Grunde genommen von Bildwinkeln reden, denn jede Brennweitenzahl muss wieder vor der Tatsache des Aufnahmeformats interpretiert werden.

Ein Bildwinkel von 45° entspricht unserer gewohnten Sehweise (bei starrem Blick, ohne Kopf drehen).
Bei einem Bildwinkel von 100° sieht man ein sehr weites Feld, bei 180° sogar die eigenen Füße und alles, was sich ab gleicher Höhe vor einem befindet. Bei 5° sieht man weit entferntes sehr nah und isoliert. Mit welcher Brennweite man welchen Bildwinkel erreicht, hängt von der Größe des Aufnahmeformats ab.

Waren in der analogen Zeit die Großformat- und Mittelformatkameras zahlenmäßig schon überschaubar vertreten, so traten sie im digitalen Zeitalter immer weiter in den Hintergrund. Die Sensoren waren teuer und selbst ein Sensor im Kleinbildformat unerschwinglich. Daher beschränkte man sich anfangs auf kleinere Sensoren, die man aber in gewöhnliche Kleinbildkameras einbaute. Beim Blick durch den Sucher entstand durch den verkleinerten Bildausschnitt bei vielen Fotografen Verwirrung. Die Größe der Sensoren bewegte sich etwa ca. 23x16mm. Ah! Die Größenordnung kommt Ihnen auch bekannt vor? Richtig. Und irgendeinem Menschen in irgendeinem Gremium wohl auch. Ich sehe die Herren direkt vor mir sitzen, wie plötzlich einer sagt: 23x16, 23x16 … sagt mal, war nicht damals dieser Film, dieser Dings, na, APS-C – hatte der nicht so ein ähnliches Format? Und das war die Geburtsstunde der umständlichsten Wortschöpfung, die man hätte wählen können. Fortan heißen alle Sensoren unterhalb des KB Formats und oberhalb des FourThird Formats: Sensoren im APS-C Format. Man hätte vielleicht auch Fußnagel-Format oder Briefmarken-Format wählen können. Aber dank APS-C schleppen wir heute ein Wortungetüm mit uns herum, das die Gestaltung eines jeden Pressetextes verunstaltet. Noch dazu weiß heute kaum noch jemand, was das eigentlich ist, ein APS-C Format, und wie groß es überhaupt einmal war. Wenn es für nichts gut war, heute dient das System wenigstens als Referenz und Bezugsgröße. Man drückt damit zumindest für die analog-geprägten Nutzer aus, dass das Format kleiner ist als Kleinbild. 



Im Verlaufe der digitalen Entwicklung wurden allerdings die Sensoren preiswerter und so gab es bald die ersten Bildwandler im klassischen Kleibildformat. Man hätte jetzt an der bekannten Namensgebung festhalten können, aber weit gefehlt. Da die Sensoren ja nun größer waren als das APS-C Format, sozusagen das VOLLE Kleinbildformat ausschöpften, hießen sie fortan Vollformatsensoren. Das sagt über die Größe des Sensors zum einen gar nichts aus und welches Format ist denn bitte kein Vollformat? Es wird doch immer das volle Format verwendet, gleichgültig wie groß es ist. Eine wirklich unsinnige Wortwahl. Und konnte sich niemand der Terminologen vorstellen, dass die Digitalfotografie auch einmal in die größeren Bildformate Einzug hält? Richtig, bei den Kameras von Fuji, Hasselblad und Pentax mit fetten Sensoren im Format 44x33mm spricht man wieder von MITTELformat-Kameras. Bringen Sie jetzt einmal einem Azubi bei, dass Mittelformat größer ist als Vollformat.

Und noch eine skurrile Bezugsgröße findet Anwendung. Der sogenannte Cropfaktor, der eingedeutscht mit dem völlig irreführenden Begriff Brennweitenverlängerung übersetzt wird. Wie oben schon erwähnt, die Brennweite ist eine feste Größe und verändert sich nicht, egal, welchen Sensor ich hinter dem Objektiv einsetze. Umso verwirrender auch manche Herstellerangaben: unsere Brennweitenangaben beziehen sich auf das Kleinbildformat. Häh? Die Bildwinkelangaben können sich auf ein Aufnahmeformat beziehen. Aber für die Bidlwinkelangaben haben wir nicht gelernt, ein Gefühl zu entwickeln.

Jetzt glaubt man aber, dass jeder, der heute anfängt zu fotografieren und sich eine moderne Kamera kauft, sagen wir so ein kompaktes Multitalent mit zigfach Zoom, an dem Kleinbildformat orientieren kann. Dort findet man dann oft nicht die tatsächliche physikalisch Brennweitenangabe, sondern die sogenannte äquivalente Angabe bezogen auf das KB Format. Liest sich dann auf der Panasonic Website so:
f = 8,8 - 176mm/(26 - 520 mm in 35 mm äquiv. bei 4:3)/(24 - 480 mm in 35 mm äquiv. bei 3:2)/(25 - 500 mm in 35 mm äquiv. bei 16:9)/(31 - 620 mm in 35 mm äquiv. bei 1:1)/(36 - 720 mm in 35 mm äquiv. bei 4:3, 3:2, 16:9 4K PHOTO-Aufnahme)/(38 - 760 mm in 35 mm äquiv. bei 1:1 4K PHOTO-Aufnahme)/(25 - 500 mm in 35 mm äquiv. bei 16:9 Videoaufnahme / O.I.S. aus / Funktion „Waagerechte Aufnahme“ aus/(27 - 540 mm in 35 mm äquiv. bei 16:9 Videoaufnahme / O.I.S. auf / Funktion „Waagerechte Aufnahme“ aus/(30 - 600 mm in 35 mm äquiv. bei 16:9 Videoaufnahme / O.I.S. auf / Funktion „Waagerechte Aufnahme“ auf/(36 - 720 mm in 35 mm äquiv. bei 4K Videoaufnahme)
Alles klar?

Um sich in etwa vorstellen zu können, was man mit dem Objektiv sehen wird, verlangt man von dem Kunden zunächst einmal zu wissen, dass das Objektiv an einem Sensor im Format 24x36mm (den die Kamera gar nicht hat) dem Bildeindruck eines 24-480mm Objektiv entsprechen würde. Man bezieht sich dabei auf eine Referenzgröße (KB) und unterstellt, dass der Kunde auch weiß, dass an dieser Referenz 50mm Brennweite „normal“ wären. Eine solche Erfahrung muss der Kunde aber nicht zwingend gemacht haben. Wenn ich meiner Tochter erkläre, dass ein 35mm Objektiv an einer Kamera mit APS-C Sensor einem 50mm an einer 35mm Kamera (der Kleinbildfilm ist 35mm breit, daher wird statt KB auch gerne dieser Ausdruck verwendet) entspricht – dann hilft ihr das überhaupt nicht weiter. Warum soll sie auch zunächst einmal lernen, dass an einer „Vollformatkamera“ 50mm normal wären und 50:1,5 ~ 35mm sind und daher für ihre Kamera das 35mm normal ist???
Warum nicht gleich lernen, dass an der eigenen Kamera 35mm Brennweite der eigenen Sichtweise entsprechen? Oder eben 25mm, falls ich im MFT System fotografiere?
Man kennt diese Umrechnerei von den neuen Glühlampen. Dort lesen wir dann: 7Watt – entspricht 40 Watt. Darunter kann man sich noch etwas vorstellen, weil jeder über 20 Jahren schon einmal eine herkömmliche Glühbirne in eine Lampe geschraubt hat und weiß: 100 Watt waren ganz schön grell. Aber mit der Zeit wird auch diese Kenngröße verwischen. Irgendwann sind halt 20 Watt LED einfach ganz schön grell.
Wobei die mit 10,- Euro auch noch ziemlich teuer sind; immerhin sind das fast 20,- D-Mark.